Sonntag, 9. März 2014

Orte des Bösen und das magische Denken

Im österreichischen Amstetten hielt der Familienvater Josef Fritzl seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen, wo er sie vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte. 2013 wurde der Keller mit Zement gefüllt. Die Arbeiten dafür nahmen zwei Wochen in Anspruch. (http://www.rp-online.de/panorama/ausland/fritzls-folterkeller-wird-mit-zement-gefuellt-aid-1.3482458)

Auch der Keller in Strasshof, in Niederösterreich, in dem Natascha Kampusch acht Jahre lang gefangen gehalten wurde, musste 2013 auf Anweisung der Gemeinde zugeschüttet werden. (http://www.heute.at/news/oesterreich/noe/art23654,852279)

Es stellt sich die Frage, warum die Keller zugeschüttet werden mussten. Hätte man sie nicht irgendwie nutzen können? Die offizielle Begründung lautete, dass das Zuschütten des Kellers in Amstetten eine Bedingung für den Verkauf des Hauses war. Das Verlies in Strasshof musste aufgefüllt werden, da es sich um einen "ungenehmigt errichteten Hohlraum" handelte. Aber sind das die wirklichen Gründe, oder handelt sich dabei nicht einfach um Rationalisierungen? Es mag verständlich sein, dass die Opfer durch diese Orte des Schreckens nicht an das Erlebte erinnert werden wollen. Aber anscheinend waren die Käufer bzw. die Gemeinde die Handlungsauslöser.

Auch die Sandy Hook Elementary School in Newtown, im amerikanischen Bundesstaat Connecticut, in der im Dezember 2012 20 Kinder und sechs Erwachsene ermordet wurden, wurde nach einer Abstimmung unter den Einwohnern der Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Die Kosten dafür belaufen sich auf mehrere Millionen Dollar. Auf dem Grundstück soll eine neue Schule entstehen. (http://www.msnbc.com/msnbc/sandy-hook-demolished-winterized)

In seinem Buch SuperSense führt Bruce Hood mehrere Gebäude auf, die abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht wurden, weil in ihnen furchtbare Verbrechen geschahen. Dazu gehört beispielsweise ein Haus in Gloucester, in England, in dem in den 1970er-Jahren mehrere Mädchen gefoltert und ermordet wurden. Heute befindet sich ein Durchgang in der Häuserreihe, wo einst die Verbrechen begangen wurden.

Was Bruce Hood in seinem Buch Supersense nennt, ist wohl eine Form des Magischen Denkens, bei dem Handlungen, Wörtern aber auch Orten bestimmte Wirkungen zugesprochen werden. Den oben genannten Orten scheint in der Vorstellung mancher Menschen wegen der dort begangenen Verbrechen etwas Böses anzuhaften. Immerhin stimmten 4.504 Bewohner von Newtown für den kostspieligen Abriss, während nur 558 dagegen waren, was davon zeugt, wie weit verbreitete solche Vorstellungen selbst im 21. Jahrhundert noch sind (http://www.msnbc.com/morning-joe/newtown-vows-make-town-%E2%80%98whole-again%E2%80%99).

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