Freitag, 24. Januar 2014

Das nächtliche Paris und die verzerrte Auswahl

2011 erschien der Woody-Allen-Film Midnight in Paris. Der Film handelt von einem Drehbuchautoren, der mit seiner Verlobten Urlaub in Paris macht. Der von Owen Wilson gespielte Drehbuchschreiber sehnt sich zurück in das Paris der zwanziger Jahre, in denen so bekannte Künstler wie Cole Porter, F. Scott Fitzgerald, Joséphine Baker, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, Salvador Dalí und Luis Buñuel in der französischen Hauptstadt lebten. Tatsächlich lernt er dieses idealisierte Paris kennen. Zur Mitternachtsstunde kommt jedes Mal ein Auto, das ihn von einer bestimmten Stelle abholt und ihn zurück in die zwanziger Jahre und in die Gesellschaft dieser berühmten Personen bringt. Er trifft dort auf Adriana, eine Geliebte Picassos, von der er angetan ist, die jedoch seine Auffassung, dass die Gegenwart (die zwanziger Jahre), die beste Zeit sei, nicht teilt. Sie sehnt sich nach der Belle Époque, den Beginn des zwanzigsten Jahrunderts, als ihrer Meinung nach noch alles besser war. Eine Kutsche bringt die beiden schließlich in die Belle Époque, wo sie im Moulin Rouge auf Henri de Toulouse-Lautrec und andere Berühmtheiten treffen. Aber, so meinen diese, nicht die Gegenwart, sondern die Renaissance sei die beste aller Zeiten gewesen.

Was die Protagonisten dazu bewegt, sich nach früheren, vermeintlich besseren Zeit zu sehnen, wird im Film selbst als Golden Age Fallacy (Trugschluss der goldenen Zeit) bezeichnet. In meinem Buch 64 Fehlschlüsse habe ich diesen Trugschluss unter der verzerrten Auswahl, auch Bestätigungsfehler genannt, behandelt. Dieser Fehler tritt auf, wenn man von anderen Zeiten, Ländern, Personen, Umständen usw. nur bestimmte Fakten akzeptiert, um eine vorgefasste Meinung oder ein Idealbild zu bestätigen. In Midnight in Paris sieht die von Owen Wilson gespielte Figur nur das Positive vom Paris der zwanziger Jahre und Adriana sieht nur das Positive der Belle Époque, aber nicht das Elend. Auf die gleiche Weise erscheint manchen der Garten des Nachbarn grüner oder ein anderes Land besser, weil man nur dessen schöne Natur oder Landschaft sieht, aber zum Beispiel die schwierigen Lebensumstände ignoriert.

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