Donnerstag, 20. März 2014

Benjamin Franklin und die Rationalisierung

Der Mensch gilt gemeinhin als "intelligente" Spezies. Aber diese Intelligenz wird nicht selten in den Dienst der Irrationalität gestellt, nämlich in Form der Rationalisierung. Darunter versteht man den Versuch, irrationales Handeln mit vermeintlich rationalen Gründen zu rechtfertigen.

Benjamin Franklin war ein Wissenschaftler, Erfinder, Unternehmer und ein hervorragender Beobachter. In seiner Autobiografie schrieb er zum Thema Rationalisierung:

Wie praktisch ist es doch, ein vernunftbegabtes Geschöpf zu sein, da es einem ermöglicht, für alles, was man machen möchte, eine Begründung zu finden oder zu schaffen.

Das Zitat auf Englisch:

So convenient a thing it is to be a reasonable creature, since it enables one to find or make a reason for everything one has a mind to do.

Quelle: Benjamin Franklin, Autobiography, Chapter 4

Sonntag, 9. März 2014

Orte des Bösen und das magische Denken

Im österreichischen Amstetten hielt der Familienvater Josef Fritzl seine Tochter Elisabeth 24 Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen, wo er sie vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte. 2013 wurde der Keller mit Zement gefüllt. Die Arbeiten dafür nahmen zwei Wochen in Anspruch. (http://www.rp-online.de/panorama/ausland/fritzls-folterkeller-wird-mit-zement-gefuellt-aid-1.3482458)

Auch der Keller in Strasshof, in Niederösterreich, in dem Natascha Kampusch acht Jahre lang gefangen gehalten wurde, musste 2013 auf Anweisung der Gemeinde zugeschüttet werden. (http://www.heute.at/news/oesterreich/noe/art23654,852279)

Es stellt sich die Frage, warum die Keller zugeschüttet werden mussten. Hätte man sie nicht irgendwie nutzen können? Die offizielle Begründung lautete, dass das Zuschütten des Kellers in Amstetten eine Bedingung für den Verkauf des Hauses war. Das Verlies in Strasshof musste aufgefüllt werden, da es sich um einen "ungenehmigt errichteten Hohlraum" handelte. Aber sind das die wirklichen Gründe, oder handelt sich dabei nicht einfach um Rationalisierungen? Es mag verständlich sein, dass die Opfer durch diese Orte des Schreckens nicht an das Erlebte erinnert werden wollen. Aber anscheinend waren die Käufer bzw. die Gemeinde die Handlungsauslöser.

Auch die Sandy Hook Elementary School in Newtown, im amerikanischen Bundesstaat Connecticut, in der im Dezember 2012 20 Kinder und sechs Erwachsene ermordet wurden, wurde nach einer Abstimmung unter den Einwohnern der Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Die Kosten dafür belaufen sich auf mehrere Millionen Dollar. Auf dem Grundstück soll eine neue Schule entstehen. (http://www.msnbc.com/msnbc/sandy-hook-demolished-winterized)

In seinem Buch SuperSense führt Bruce Hood mehrere Gebäude auf, die abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht wurden, weil in ihnen furchtbare Verbrechen geschahen. Dazu gehört beispielsweise ein Haus in Gloucester, in England, in dem in den 1970er-Jahren mehrere Mädchen gefoltert und ermordet wurden. Heute befindet sich ein Durchgang in der Häuserreihe, wo einst die Verbrechen begangen wurden.

Was Bruce Hood in seinem Buch Supersense nennt, ist wohl eine Form des Magischen Denkens, bei dem Handlungen, Wörtern aber auch Orten bestimmte Wirkungen zugesprochen werden. Den oben genannten Orten scheint in der Vorstellung mancher Menschen wegen der dort begangenen Verbrechen etwas Böses anzuhaften. Immerhin stimmten 4.504 Bewohner von Newtown für den kostspieligen Abriss, während nur 558 dagegen waren, was davon zeugt, wie weit verbreitete solche Vorstellungen selbst im 21. Jahrhundert noch sind (http://www.msnbc.com/morning-joe/newtown-vows-make-town-%E2%80%98whole-again%E2%80%99).

Freitag, 24. Januar 2014

Das nächtliche Paris und die verzerrte Auswahl

2011 erschien der Woody-Allen-Film Midnight in Paris. Der Film handelt von einem Drehbuchautoren, der mit seiner Verlobten Urlaub in Paris macht. Der von Owen Wilson gespielte Drehbuchschreiber sehnt sich zurück in das Paris der zwanziger Jahre, in denen so bekannte Künstler wie Cole Porter, F. Scott Fitzgerald, Joséphine Baker, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, Salvador Dalí und Luis Buñuel in der französischen Hauptstadt lebten. Tatsächlich lernt er dieses idealisierte Paris kennen. Zur Mitternachtsstunde kommt jedes Mal ein Auto, das ihn von einer bestimmten Stelle abholt und ihn zurück in die zwanziger Jahre und in die Gesellschaft dieser berühmten Personen bringt. Er trifft dort auf Adriana, eine Geliebte Picassos, von der er angetan ist, die jedoch seine Auffassung, dass die Gegenwart (die zwanziger Jahre), die beste Zeit sei, nicht teilt. Sie sehnt sich nach der Belle Époque, den Beginn des zwanzigsten Jahrunderts, als ihrer Meinung nach noch alles besser war. Eine Kutsche bringt die beiden schließlich in die Belle Époque, wo sie im Moulin Rouge auf Henri de Toulouse-Lautrec und andere Berühmtheiten treffen. Aber, so meinen diese, nicht die Gegenwart, sondern die Renaissance sei die beste aller Zeiten gewesen.

Was die Protagonisten dazu bewegt, sich nach früheren, vermeintlich besseren Zeit zu sehnen, wird im Film selbst als Golden Age Fallacy (Trugschluss der goldenen Zeit) bezeichnet. In meinem Buch 64 Fehlschlüsse habe ich diesen Trugschluss unter der verzerrten Auswahl, auch Bestätigungsfehler genannt, behandelt. Dieser Fehler tritt auf, wenn man von anderen Zeiten, Ländern, Personen, Umständen usw. nur bestimmte Fakten akzeptiert, um eine vorgefasste Meinung oder ein Idealbild zu bestätigen. In Midnight in Paris sieht die von Owen Wilson gespielte Figur nur das Positive vom Paris der zwanziger Jahre und Adriana sieht nur das Positive der Belle Époque, aber nicht das Elend. Auf die gleiche Weise erscheint manchen der Garten des Nachbarn grüner oder ein anderes Land besser, weil man nur dessen schöne Natur oder Landschaft sieht, aber zum Beispiel die schwierigen Lebensumstände ignoriert.

Sonntag, 5. Januar 2014

Die Menschen tun das Böse nie so vollständig und wohlgemut als wenn sie es aus religiöser Überzeugung tun.

(Les hommes ne font jamais le mal si complètement et joyeusement que lorsqu’ils le font par conviction religieuse.)

Blaise Pascal, Pensées